nach der gewissheit, vor der paranoia
Splitter der Tage 2025
17.12.2025
Mein Niesen bei zu hohem Kakao-Anteil in der Schokolade = akustisches Naschsündensignal (oder Nachsündesignal?).
Im noch dunklen Morgenbeginn huschen an mir kurz nacheinander auf dem Radweg, der vom Bürgersteig abgezwickt wurde, zwei Fahrräder ohne Licht vorbei. Hätte ich sie an der Ampel eingeholt, wäre meine Frage an die Fahrer gewesen, ob sie wenigstens einen Organspendeausweis haben. Ja? Alles gut.
Hinter mir in der Einkaufszone erklärt eine Männerstimme: "Meine Praxis ist Theorie". So noch nicht gehört. Ich hätte vermutet, dass damit eingestanden wird, dass die eigene Praxis noch nicht von allzu viel Erfahrung geküsst wurde. Die Stimme klang von sich überzeugt. Also? Laut Internet wird mit dem Ausspruch auf ein reflektiertes Handeln hingewiesen. Echt? Souverän ist, wer über die Theorie verfügt, sagt der Mann.
Neue Kollokation - armes Deutschland.
09.12.2025
"Weihnachstdeko ist Schrott": Ist das "Rage bait" (= Povokations-Klick-Strategie = britisches Wort des Jahres) oder schon Konsens, also eine Form der Langeweile (das deutsche Wort des Jahres lautet übrigens "KI-Ära", wobei die KI meiner Wahl zu der Weihnachtsdeko-Frage ein "Darauf konnte ich leider nicht antworten." ausspuckt)?
Aber die Wut auf die Weihnachtsdeko führt natürlich zu NICHTS, eine Predigt zu den Bekehrten. Deshalb lieber Liebe, auch zur Deko - ein Satz mit Schleifchen.
04.12.2025
Es weihnachtet schon!
Der Eingang zum diesjährigen Stadtteil-Weihnachtsmarkt wird, wie inzwischen üblich, mit einigen Zufahrtsperren markiert. Die kleinen, roten, holzgezimmerten Verkaufsstände, natürlich in ihrer Natürlichkeit industriell-seriell gefertigt, sind ebenso vorhanden, wie die vom ansässigen Einzelhandelsverbund angebrachten Lichternester in den kahlen Bäumen. Es duftet nach gebrannten Mandeln und Bratwurst, das Kinderkarussell fährt die bunten Autos und die eingeholzten Tiere fröhlich im Kreis und der erste Glühweinstand verkündet neckisch, dass hier Glühwürmchen willkommen sind. Kurz klopft der Gedanke an, dass der Heiland und die Feier seiner Geburt doch untergründige Schwingungen aussenden, dass die Welt an diesem Ort, wenn auch nur kurz und verschüttet, eine Art bessere Ordnung finden, auf eine solche zumindest in ganz zarter Form verweisen könnte, die soteriologische Sache demnach nicht gänzlich verloren ist. Ich schiebe den alten Miesmacher der hammerharten Kapitalismuskritik sanft beiseite, bis ich feststellen muss, dass in der parallel laufenden Ladenzeile ein neues Ladenkettengeschenkgeschäft eröffnet hat. Inzwischen gibt es innerhalb eines 1-km-Umkreises drei dieser Dekoscheisszusammenbringverkaufsorte, in denen die Begriffe Inspiration und Geschenk ganz groß geschrieben werden (vermutungsweise wird in der Vorweihnachtszeit 90 % des Umsatzes gemacht und die restlichen 9 % vor Ostern, mit der Frage, wie die Transsubstantiation der W-Deko zu O-Deko zu bewerkstelligen sei). Aus Liebe zu den Menschen und zu Weihnachten werden etwas verspielte und doch auch cleane, nicht zu teure, aber dennoch wertig aussehende Weihnachtsutensilien und -geschenke in den Weihnachts-Stimmungs-Ring geworfen. Zu finden sind: Kerzen, Tischdecken, Behälter, Untersetzer aus Filz und Steingut, Glas, Pappe, Strickzeug, Platzsets, Vasen, Dekoschneeflocken, Nadelfilzsets, Deko-Kissen, Outdoor-Lichtobjekte, Deko-Figuren, Glas-Weihnachtskugeln, Ausstechformen, Geschirrtuch-Sets, Tischläufer, Tischsets, Trinkgläser (z.B. Glitter-Style), Kugelkränze, Lichterketten, Nussknacker aus Holz und Metall, ja sogar ein LED-Nussknacker, Aufbewahrungsdosen, Samtsterne, Rentier-Aufkleber, Tannenzapfen aus Pappmache, Weihnachtssocken, und, und, und ...
Dieses jedes friedfertige Gefühl verklebende Sammelsurium an überflüssiger, klischeebeladener, sinn- und liebloser Warenhaftikgeit erzeugt dann doch ein Gefühl, genau ein Gefühl, und: viel davon: Hass, Hass, Hass. Sämtliche Zerstörungsformen huschen im Schnelldurchlauf am geistigen Auge vorbei: Vorschlaghammer, Farbanschlag, Güllewagen, Dampfwalze, Kettensäge und Handgranate. Auslöschung dieser Dinge, damit niemand mehr in Versuchung kommt, diese äußerst minderbemittelten Surrogatformen einer Weihnachtssehnsucht überhaupt in Betracht ziehen zu können (fürs Protokoll: Sachbeschädigung: nein, nein, nein, nix wird dadurch besser). Man möchte den Menschen entgegenschreien, dass sie mit jedem Blick auf diese hochgejazzte Ramschware ihre Seele schädigen, sich weiter in den Sumpf einer unrettbaren Pseudo- und Antiästhetik begeben, ihre Dummheit damit weiter kultivieren und mit dem Kauf dieser Verdummungsware nicht nur sich, sondern auch die Welt noch ärmer machen. Würde es helfen, wohl kaum. Auch dafür, für die Dummheit und Verstocktheit, hat sich Jesus ans Kreuz nageln lassen. Hätte er gewusst, welch goldener und zugleich armseliger Kult ums seine Geburt veranstaltet werden würde, er wäre wohl nicht wiederauferstanden. Aber diese Geschichte, liebe Kinder, wird zu einer anderen Jahreszeit erzählt, nämlich dann, wenn die goldenen Schokoladenhäschen kommen.
29.11.2025
Freizeitbeschäftigung: das Leben auf sich herabregnen lassen.
Im Herbst, Salzburg: Der Vater fliegt nach Istanbul, um sich das schüttere Haupthaar nachpflanzen zu lassen. Der Sohn befindet sich ein einer Chemotherapie und verliert alle Haare.
Wenn man wissen will, was eine Tirade sein kann, dann bitte lesen: Thomas Bernhard - Alte Meister.
22.11.2025
Aufgabe, die größte: seinem Leben eine Form geben.
Ich möchte als jemand gelesen werden, der schlecht geschlafen und einen schlechten Kaffee bekommen hat.
06.11.2025
Am Bahnhof sitzt ein Mann mit Bart und Mantel vor dem S-Bahn-Eingang, der in die Tiefe führt. Eine Schiebermütze liegt mit der Kopfseite nach oben zum betteln vor ihm. Er hat einen schwarzen Bart, wirkt etwas füllig, mittleres Alter und auf den ersten Blick gar nicht so abgerissen. In seiner Hand hält er ein aufgeschlagenes Buch, zweispaltig, offenbar eine Bibel. In Ermangelung eines Lebensratgebers für Obdachlose scheint die Bibel die verheißungsvollste Anlaufstelle für einen neuen Lebenssinn zu sein, denke ich. Vielleicht fallen auch nur ein paar neue Lebensweisheiten ab. Oder erfreulicher: etwas neuer Lebensmut. Aber vielleicht doch anders: ist es eine Art Selbstgeißelung, ein beschwerliches Durchpflügen von Textbausteinen aus längst vergangenen Zeiten, als der vertikalen Kommunikation noch viele mächtige Mitstreiter und Insignien zur Verfügung standen, in der Hoffnung, dass einige Sätze noch göttlich beatmet werden?
26.10.2025
Eine alte deutsche Rockband nennt ihre Livetour zum fünfzigjährigen Jubiläum "Die Zielgerade". Das heißt? Der musikalische Wettkampf nähert sich dem Ende und dem Höhenpunkt, so die Wettkampflogik, und die Menschen sollen nochmals kommen, um teilzunehmen, zu staunen, zu applaudieren. Und: ein Verweis darauf, dass das Ziel auch das (Auftritts-)Ende sein wird. In gewisser Weise verspricht der Titel mehr als er halten kann. Es bleibt ein sentimentales Versprechen. Eigentlich: Endgerade.
19.10.2025
Der derzeitige deutsche Außenminister, der CDU-Politiker Johann Wadephul, zeigt in einem kurzen Social-Media-Video seine Beschäftigung mit Tarot-Karten. Ein kleines Werbevideo, das auf den Tag der offenen Tür im Auswärtigen Amt hinweisen soll (fand am 24.8.2025 statt). Inhalt: Ein Anrufer aus dem Off fragt nach, ob jeder kommen dürfe. Der Außenminister legt daraufhin die Karten und bejaht. Sympathische Selbstironie? Vielleicht heißt es auch: wir leben in einer wirren Welt, wo selbst die Antworten auf die einfachen Fragen allein noch in den Karten (und den Sternen) zu finden sind. Aber so war es bestimmt nicht gemeint - oder doch?
12.10.2025
Was schlimm ist - bei einem Streamingdienst eine Serie schauen, an die man sich gewöhnt hat und festzustellen, dass keine Fortsetzung produziert wurde. Einen kleinen Sonntags-Nachmittags-Hunger haben und die Lieblingskekse nicht eingekauft zu haben. Ungefragt umfangreiche Werbekataloge zu bekommen, die man direkt in das Altpapier entsorgen kann. Es wird Herbst. Am schlimmsten ...
Das Meer als Lebensmetapher: Wir werden an der Oberfläche ausgesetzt, auf der ein paar soziale Planken schwimmen, an die wir uns klammern können, die aber keine wirkliche Verlässlichkeit bieten. Hitze, Kälte, Stürme und Gefahren aus unergründlichen Tiefen drohen uns ertrinken zu lassen. Wenn es gut geht, werden wir geschaukelt, bis uns in schwerer See doch die Kraft ausgeht und wir in die Tiefen sinken.
03.10.2025
In unruhigen und komplizierten Krisenzeiten ändern sich die Anforderungen an unsere Fähigkeiten. Gefragt sind weniger die selbstermächtigenden und souveränen Verhaltensweisen - nach dem Schöpfergott ist auch der Schöpfermensch dahin -, sondern die antwortenden und mehr passiven Befähigungen:
- Beziehungskompetenz
- Resonanzkompetenz
- Resilienzkompetenz
Wenn das nicht mehr hilft, dann haben die abgründigeren Begabungen Konjunktur:
- Unterwerfungskompetenz
- Resignationskompetenz
- Depressionskompetenz
27.09.2025
Beziehungskomplikationen: "Er steht vor mir und liegt völlig falsch" und Geständnisstratgeien: "Ich bin bereit, Unrecht zu haben."
13.09.2025
Inzwischen wird mir das auch auf Plakatwänden proklamierte "Demokratie schützen" unheimlich, weil es eher für eine Gesinnung, denn für Offenheit einzutreten scheint.
Fühlen sich zum Beispiel Taubem im Regen unwohler als bei trockenem Wetter? Gibt es dafür Belege? Oder ist das eine anthropomorphistische Frage?
06.09.2025
Ich gucke auf einen meiner Kakteen, der nicht schön aussieht. Aber Kakteen sehen im herkömmlichen Sinne sowieso nicht schön aus, sie haben auch in Bezug auf ihre Ästhetik etwas Widerständiges. Trotzdem überlege ich kurz, ob ich ihn entsorgen soll, was mir jedoch herzlos vorkommt. Entsorgen? Ich ziehe die Sorge von etwas ab. Wirklich? Meistens ist entsorgen doch nur ein elaborierteres Wort für wegschmeißen. Als würden wir uns um die Dinge sorgen. Wo käme sonst der ganze Müll her?
04.09.2025
Eine Art Haiku-Blitz für Anfänger: Bahnfahrt im September, kurzer Halt an einem Bahnsteig, ich gucke auf Bäume und Sträucher, die in vollem Grün vom Wind durchpflügt werden. Zur Wahrnehmung meldet sich unvermittelt das Gefühl und sagt: sieh, schon ein Hauch von Herbst.
30.08.2025
Fenster-Außenwerbung einer Tierarztpraxis: "Wir wissen, wie der Hase läuft." Gedanklich ergänze ich: "Wir wissen auch, wo der Hund begraben ist."
Es gab den Glückspfennig. Gibt es den Glückscent? Wohl nicht mehr in der gleichen Gebräuchlichkeit. Weitere Fragen: bringt ein 2-Cent-Stück Doppelglück. Und wo findet man ein Äquivalent beim bargeldlosen Zahlen.
Nachmittags auf dem Bahnsteig einer U-Bahn-Haltestelle stehen vier Polizisten, unter ihnen eine Polizistin, ganz in Schwarz gerüstet, in voller Kampf- und Abwehrmontur, der Helm noch am Gürtel befestigt, Rücken an Rücken, und sehen aus wie ein existentialistisches Kleeblatt, das vergessen hat, wofür es das Glück bringen soll. Es ist Derby-Tag zwischen dem HSV und St. Pauli und unser Kleeblatt guckt aufmerksam in alle Richtungen, obgleich kein einziger Fan zu sehen ist. Vielleicht besteht darin das Glück.
23.08.2025
Die Jugend hat in den sozialen Medien die Achtsamkeit und das freundschaftliche Zuhören entdeckt. Es werden kleine Videos gepostet mit dem entscheidenden Satz: "We listen and we don't judge". Sehr schön. Vielleicht zur Abwechslung für uns alle noch etwas Arbeitsethik: "We work and we don't complain". Auch dafür gilt: "We listen and we don't judge".
10.08.2025
Ich fahre mit dem Regionalzug von der Ostsee nach Hamburg. Der Zug ist voll, obwohl es ein Wochentag ist. Eine Vierer-Sitzgruppe wird von nur einem Mann besetzt, der seine schwarze Sporttasche und eine Plastiktüte neben sich platziert hat. Ich frage, ob die Sitze ihm gegenüber frei sind, er nickt, ich setze mich dazu und betrachte ihn genauer. Er ist vielleicht Mitte vierzig, stämmig, hat ein paar Kilos zu viel, Glatze, schwarze Trainingshose, schwarzer Hoodie, darunter ein weißes T-Shirt, schwere Goldkette, Siegelring, dicke Uhr am Handgelenk, ein Hüftbeutel, dazu weiße Socken. Seine Nase ist mit Verband und einem weißen Tape prominent abgeklebt. Mit einem Taschentuch tupft er diese regelmäßig ab. Es geht ihm sichtbar nicht gut.
Ich frage mich, ob der Film in meinem Kopf annähernd der Realität entspricht. Aber sind meine stereotypen Vorstellungen nicht zu vorurteilsbeladen? Könnte es nicht auch ein Fahrradunfall gewesen sein? Ja, ein Fahrradunfall.
03.08.2025
In der Soziologie werden gerne Ontologien fortgeschrieben. So teilte und teilt man zum Beispiel die Gesellschaft in Klassen ein (Bourgeoisie, Proletariat); oder in Ober,- Mittel- und Unterschichten; oder in Ober-, neue Mittel-, alte Mittel- und Unterklassen. Diese Einteilungen sind niemals unschuldig; sie lassen das entstehen, was sie beschreiben. Die Erkenntnisgewinne fallen mal größer, mal weniger groß aus.
Und dann denke ich, dass die einzige Unterscheidung, die wirklich zählt, die folgende ist: zwischen Idioten und denen, die es nicht sind. Das Gespenstische dabei: ich weiß manchmal nicht, in welcher Gruppe ich mich befinde.
26.07.2025
0 und 1: Wenn ich auch für niemanden schreibe, so trainiere ich doch die KI.
Ein herrlicher Sommertag und ich höre Travis, der sich fragt, warum es immer auf ihn regnet; ein unfassbar schöner Song.
Der Krimiautor Adler-Olsen ist unheilbar krank (Krebs). Er berichtet über die Schrecklichkeit, dass das eigene Sterben mit einem Datum versehen wird.
Eben den Film Yesterday gesehen, all my ... Wenn ich die Beatles höre, bin ich sicher, dass das Vertrauteste aus meiner Kindheit/Jugend aufscheint.
16.07.2025
Auf dem PKW eines Medizindienstleisters ist diese schöne Alliteration zu lesen: Kompetenz in Kontinenz. Wie schwer ist es manchmal, alleine zu sein, ohne sich zu betäuben.
10.07.2025
Die globale Bananenproduktion ist durch eine Pilzkrankheit namens Tropical Race 4 (TR4) bedroht, auch als Panama-Krankheit bekannt. In dem Pilzbuch von Anna Lowenhaupt Tsing (Der Pilz am Ende der Welt) geht es um den bisher nicht kultivierbare Speisepilz Matsutake. Wie es im Klappentext heißt, bildete dieser Pilz das erste Leben nach der Nuklear-Katastrophe in Hiroshima.
06.07.2025
Ich bin kein Modefetischist und der Splitter im fremden Auge usw. Aber kurzärmelige Businesshemden und die Sichtbarkeit des Halsausschnittes des Unterhemdes bei einem aufgeknöpften Hemd lassen mich innerlich zusammenzucken, während ich Socken in Sandalen zu einer kurzen Hose immerhin lustig finde. Kleiner Narzissmus der Anziehsachen, wobei man diese Anziehsachen immerhin wieder ausziehen kann. Tattoos haben hingegen eine größere Halbwertzeit. Nicht nur deshalb mag ich sie weniger. Insbesondere auf Beinen sehen die Motive manchmal so aus, als hätte jemand im betrunkenen Zustand mit einem Filzstift Malversuche unternommen. Vielleicht zeigt sich darin auch nur der Wunsch, die Antiästhetik bis zum äußersten Rand der Machbarkeit zu führen.
Sind wir in einer Polykrise für Psyche und Gesellschaft? Morgens steht an der der roten Fußgängerampel ein schon älterer Mann mit Halbglatze und Schnauzbart, bekleidet mit Stoffhose, Sakko, Hemd und Schlips, reckt den Mittelfinger in die Höhe und ruft der gegenüberliegenden Straßenseite ein "Fickt Euch alle" entgegen.
Als Flüssiggaskunde der Firma ***GAS lese auf einem Briefumschlag unter dem Logo den Claim: "Ein Freund fürs Leben". Nicht nur pessimistisch in die Zukunft schauen.
28.06.2025
Tagesanfangsverschluss: 8 x Knöpfe, 6 Schlaufen, 1 x Knopf, 1 x Reißverschluss, 1 x Schnalle, 2 x Schnüre, 1 x Reißverschluss.
In einem Roman von Thomas Melle heißt es, dass das Leben vor allem Gerede und Genichtse ist.
20.06.2025
Ein langer Spaziergang durch den Dortmunder Norden: Über den Eingang der Gebrauchtwagenparkfläche eines Autohändlers verspricht ein großes Schild 'Fachgeschäft für gute Gebrauchtwagen'. Eine achtzigjährige Frau, dünn und klapprig, steigt umständlich in einen Kleinwagen ein und fährt ganz langsam los. Man möchte sich als Chauffeur anbieten, um kleinere und auch größere Katastrophen zu verhindern. Beten? Nebenan eine moderne katholische Kirche, St. Gertrudis. Die Eingangstür ist offen, scheinbar ist die Kirche für ein Treffen der Malteser vorbereitet. Obwohl kein Mensch zu sehen ist, läuft eine Techno-Version von Patti Smith in großer Lautstärke: 'Because the night' und Jesus würde sowieso ergänzen 'belongs to lovers'.
Ein Café in der Nordstadt, es laufen unzählige Menschen vorbei. Migrationshintergrundquote bei fast 100 %, das Wetter ist fantastisch, alle sind entspannt. Viele Frauen mit Kopftüchern, auch Männer im Kaftan, viele Kinder. Was wird aus diesen Kindern in 10 oder 20 Jahren geworden sein? Hoffen, keine Kirche in Sicht, später noch eine Moschee. Die Häuser sehen relativ gepflegt aus, die meisten sind frisch gestrichen. Nur ab und zu ist am Straßenrand Sperrmüll zu sehen - von der Mikrowelle über Sessel und Haushaltsschrott -, so als würde man darauf vertrauen, dass dies in den nächsten Tagen abgeholt wird.
Ein Lebensmittelladen: zwei Scheiben sind vollflächig mit einem Fotobild einer Küstenlinie beklebt. Sonne und viel blaues Meer ist zu sehen, wie für Touristen gemalt. Darüber in großen weißen Buchstaben steht: LIBANON. An einer Ecke des Nordmarktes, wo früher mal eine Szene-Kneipe war, wurde eine große Scheibe durch Einschusslöcher beschädigt. Neben den fünf Einschüssen hat die Polizei jeweils vertikal und horizontal ein Stück Schwarz-Weißes-Klebeband angebracht, durch das anhand einer aufgedruckten Skala die Größe der Löcher ablesbar ist.
Am Rand des Viertels an einer Parkanlage dann ältere kleinbürgerliche Einfamilienhäuser. Diese haben kleine Fenster; scheinbar fehlt/e das Geld und die Grundstücksgröße, um auch mit großen Fenstern seine Privatsphäre zu wahren. Auf dem Rückweg sehe ich viele Kioske, Kebab-Läden (die gehobene Variante = Name + Holzkohlegrill), eine kleine nicht besonders vertrauenserweckende Pizzeria, die laut Werbung auch Schnitzel verkauft. Oft ist der Aufkleber 'Neueröffnung' an den Geschäftsscheiben zu sehen. Vielleicht ist die gastronomische Start-Up-Geschwindigkeit besonders hoch, vielleicht macht man sich später nicht die Mühe den Aufkleber zu entfernen. Man gewöhnt sich an alles. Frisöre schneiden mit Maschinen die Haarseiten der Männer - ich sehe dort nur Männer - kopfhautsichtig. Bei einem gepflegten Lieferwagen säubert ein Mann am Straßenrand mit einem Pinsel den Motorinnenraum. Die Sonne scheint.
14.06.2025
In der Schweriner Innenstadt in einem Lokal der Einkaufszone bei schönstem Sonnenschein nach einer Wanderung einen Sitzplatz im Außenbereich gefunden. Die Leute flanieren vorbei. Und auch hier: die Wurstpellenfraktion der sich sportlich gebenden Rad'renn'fahrer beeindruckt durch die Idee, dass die Funktion im Zweifelsfall, vor allem im Bauchbereich, der Form folgen muss. Vor mir sitzt ein älterer Mann mit einem roten 'Camp-David-Shirt' (auf dem Rücken unterhalb des Kragens ist der Name aufgedruckt); nachdem er aufgestanden ist, hat der nächste Mann, ähnliche Altersklasse, einen grünes 'Camp-David-Shirt' an (Aufdruck ebenfalls im oberen Rückenbereich). Ich frage mich, warum der präsidiale Landsitz so beliebt ist. Später lese ich, dass es sich um eine deutsche Modemarke handelt, die Verbindung also durch den Kapitalismus vermittelt ist, was mich beruhigt. Der bestellte Aperol wird gebracht und Überraschung, es gibt hier noch Strohhalme aus Plastik! Warum nicht.
Kurz vor der Rückfahrt sind am Pfaffenteich, ein kleiner, an die Innenstadt angrenzender Binnensee, der von einem einzigen Fährboot, das in einer Kreisfahrt vier Anlegestellen bedient, eine 4er Gruppe von Goths zu sehn: zwei Pärchen, das eine noch jünger, das andere Ü 50, also Gruftis. Der ältere Mann - schwarze Kutte, schwarze Hose, kahler Schädel - macht den Sekt auf und lässt den Plastik-Sektkorken mit einem lauten Plop in den See fliegen, wo er lustig auf den Wellen schwimmt. Alle in der Gruppe lachen und sind bereit, den Korken seinem Schicksal zu überlassen. Warum?
29.05.2025
Das Häßliche ist oft das Abartige, von der Norm abweichende oder auch, so es sich um Dinge handelt: der schlechte Geschmack, der Kitsch; oder: ein Effekt, der sich großartig gibt, ohne in Zeit und Mühe investiert zu haben. Auch die verlassenen Dinge wirken oftmals häßlich, zeigen Zeichen der Verwahrlosung und des Verfalls, sondern aber eine tiefe Taurigkeit ab. Schönheitshauch einer echten Teilung.
Wir hängen fest an unserem Lebensfaden. Und er reißt.
24.05.2025
Überall Turnschuhe. Überall Delta zwischen Körper und Turnschuhen.
Eskapismus - man kann nicht immer auf der Höhe seines Abgrunds sein.
18.05.2025
Schwerer Kopf und Spargelpipi.
16.05.2025
Ich legte die Literaturbeilage zur Seite, in der Hoffnung, sie später einmal zu lesen. Und tatsächlich, mehr als 2 Jahr später fällt sie mir wieder in die Hände; ich nehme sie zur S-Bahn-Lektüre mit auf den Weg. Eine Rezension über drei Bücher, die sich mit dem damals noch jungen Ukraine-Krieg auseinandersetzen, überraschend aufschlussreich (z.B. die schon immer problematische russische Raumbewältigung). Dann ein Bericht über Etty Hillesum, eine niederländische Jüdin, die Ende 1942 deportiert wird, mehrfach die Gelegenheit hatte, unterzutauchen, bei ihren Leuten blieb und mit diesen starb. Sie führte von März 1941 bis Oktober 1942 als eine noch Junge Frau ein Tagebuch, das dokumentieren sollte, was um sie herum geschah. Die letzten Worte darin: "Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein."
10.05.2025
Nach dem Duschen trockne ich mich mit einem grünen Handtuch, das schon sehr lange im Gebrauch ist und das ich sehr gerne nutze, ab und denke an das schöne Wort 'fadenscheinig'. Ich halte das Handtuch gegen das Fenster und ja.
Arbeitsbesuch in der Hauptsadt, ein Spaziergang vorm Abendessen. Vor mir ein jung gebliebenes älteres Ehepaar, Berliner Dialekt, dem ein junger Mann mit zwei Stoffbeuteln entgegenkommt. Einer der Beutel ist mit der Deutschlandfahne bedruckt. Der ältere Mann: "Das ist gesichert rechts. Das geht so nicht." Der junge Mann lacht und schließt sich den beiden an, offenbar ihr Sohn.
Der Föhn im Hotel ist sehr schwer und groß, wie schon andere Hotelföhne zuvor. Statt einer Festmontage die andere Form eines effektiven Diebstahlschutzes.
06.05.2025
Überall Plakatwerbung für eine werbefreie Stadt.
Ich schaue mir seit längerem im Netz Gesichter von Politikern, Autoren, Künstlern an. Wie sieht Klugheit, Dummheit, Freundlichkeit, Bosheit, Kreativität, Verblendung, Selbstgerechtigkeit aus? Ich weiß es nicht.
01.05.2025
Anschlussverwendung: postmodern, postheroisch, posterotisch
Bei einer bekannten Hemdenfirma heißt die Hemdenform für dicke Bäuche 'comfort fit'.
23.04.2025
In einem Buch auf das Wort intrikat gestoßen. Wiktionary sagt: Intrikat = durch viele Details, Komplexität geprägt; von lateinisch intrīcāre = „verwickeln, verwirren“; darin das Substantiv trīcae = „Wirrwarr, Unsinn, Schererei“. Begriff für den aktuellen Zeitgeist = Tricaelismus.
Kinderstimme auf der anderen Straßenseite, das Kind offenbar auf dem Weg zur Grundschule: "... das, was mir geholfen hat …". Der Jargon der Selbstsorge hat die Kindheit erfasst.
17.04.2025
Ich weiß nicht wieso, das Alter, die Krisenzeit? Ich begrüsse den Frühling wie selten, das zarte Grün, später die frische Dämmerung.
Unentschieden: Angst, das Leben verlassen zu müssen, obwohl es so schön ist. Oder dankbar: es ist schön, weil wir es auch verlassen müssen.
13.04.2025
Kulturkritik ist Biedermeier.
12.04.2025
Hinnahme der Gegebenheiten: Ein Hotel- und Tagungsareal in Flughafennähe. Große moderne Gebäude sind wie an einer Perlenkette aneinandergereiht; die Beton- und Glasfassaden mögen unterschiedlich sein, der Rhythmus wirkt monoton. Die Eingangsbereiche sind eher unauffällig als einladend. Rasenstücke bilden abgehungerte Grünstreifen vor den Gebäuden. In einer kleinen Parkanlage mit wenigen Bäumen wurden teilweise die Baumkronen abgesägt. Verbindungsstraßen durchziehen das Viertel und münden in mehrspurigen Zubringerstraßen, aus denen Lärm brandet. In den Randbereichen des Viertels sind Brachflächen mit Zäunen abgegrenzt; verwahrloste Sträucher strecken sich durch Gitter- und Drahtgeflechte.
05.04.2025
Am 1. April keine erkennbaren Aprilscherze gefunden. Erst gestern sah ich ein kurzes Video vom 1.4., in dem als Produktinnovation der fleischliche Nachbau vegetarischer Produkte gezeigt wurde und zwar in Form von kleinen Salami-Brezeln (warum nicht). Die Welt ist zu verrückt für Scherze: Putin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen! Wohl kaum. Trump für den Wirtschaftsnobelpreis! Wer weiß. Wie sagt die Jugend: Galigrü - ganz liebe Grüße.
30.03.2025
Über Jahre habe ich an der Ostsee an verschiedenen Stränden nach Bernstein geschaut, nebenbei, in der Hoffnung wenigstens ein kleines, ein klitzekleines Stückchen zu finden; nix. Gestern Mülleinsammelaktion im Ostsee-Dorf, in kürzester Zeit: u.a. 3 leere Glasflaschen, ein weggeworfenes Bündel Prospekte und verschiedene Plastikfetzen.
25.03.2025
Am Ausgang einer S-Bahn-Station, die am Rande eines Industriegebietes liegt, ist ein farbig kopierter Din-A-4-Zettel angeklebt. Die Polizei bittet um Mithilfe. Als "Geschädigte/r" einer Straftat soll man sein Eigentum wiedererkennen. Überschrieben ist der Aufruf mit "Stehlgut aus Wohnungseinbrüchen wiederaufgefunden." Der Satz passt zur Industrieumgebung, klingt Stehlgut doch nach einem Produkt der Stahlverarbeitung. Aber warum heißt es nicht Diebesgut? Korrekter Weise: Diebes- und Diebinnengut; doch zu niedlich? Die Sanftheit der Schreibweise kollidiert mit der schlechten Tat und somit mit der Instanz, die für Recht und Ordnung sorgen soll. Resthärte.
22.03.2025
Den Moment begrüßen? Auf dem Weg zur Arbeit höre ich, nun schon zum zweiten Mal, ein lautes Klatschen. Ich gehe ein Stück zurück und sehe am Straßenrand einen Kleinbus, der Schulkinder einsammelt. Vor dem Bus wartet ein Junge im Rollstuhl, zudem noch intellektuell beeinträchtigt, darauf, dass die Rampe des Busses ausgefahren wird und er hineingeschoben werden kann. Dabei schlägt er seine Hände laut und enthusiastisch zusammen, während eine Frau, offenbar seine Mutter hinter ihm wartet.
17.03.2025
Jeder möchte ein Mensch mit Abgrund sein? Ja freilich, solange man nicht hineingucken muss. Vielmehr, der Anschein von Tiefe ist interessant, erschreckend ist, dass man beim Abgrund auf keinen Grund stößt. So bleiben wir glücklich-unglückliche Oberflächenwesen.
09.03.2025
ICE hält am Hauptbahnhof - wie eine Schattenfigur aus einen Science Fiction-Roman rennt ein Mann mit Baseball Cap und einer Papiertüte durch den Gang und sammelt Pfandflaschen ein.
27.02.2025
In einer Minute werden auf der ganzen Welt ca. 6.500 L Sperma ausgeschüttet.
In Deutschland soll es ca. 10 Millionen Menschen geben, die Verschwörungstheorien plausibel finden. Wirklich nur 10? Es gibt eine verborgene Macht, die dafür sorgt, dass wir alle sterben.
19.02.2025
Der Glaube ist primär keine innere Einstellung, sondern eine anzutrainierende Routine.
06.02.2025
Auf einer Anti-Rechts Demo spricht der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm davon, dass Politiker ihrer 'job description' nachkommen sollen. Das Bemühen sich sprachlich am Puls der Zeit zu orientieren, klingt sehr albern. Form follows function.
Große Parteispende an die AFD. Es sollen tausende Wahlplakate geklebt werden. Im Radio heißt es, dass damit Stimmung für die AFD gemacht werden soll. Stimmung statt Werbung. Die Nachricht mutiert ungefragt zur Meinung. Man spricht und hört für die gute Sache und wird verstimmt.
24.01.2025
Wenn es brennt: Ein Feuerwehrmann berichtet, dass es beim Einsatz heißt: "Die Lage ist heilig". Entgegen aller Lösch- und Rettungsplanungen muss im Brandfall die Lage vor Ort für alle weiteren Entscheidungen maßgeblich mitberücksichtigt werden. So wird das sicher auch der Heilige Florian, der Schutzpatron der Feuerwehr, gesehen haben wollen. Nun ist dieser schon weit mehr als 1.000 Jahre tot. Damalige Todesursache: beim Versuch seine Mit-Christen gegen die Verfolgung durch römische Autoritäten beizustehen, wurde er, ein ehemaliger römischer Amtsvorsteher, selbst verhaftet, gefoltert und mit einem Mühlstein um den Hals in einen Fluss geworfen. Kurzum: Die Lage mag heilig sein, aber das Gewicht der Dinge ist zu beachten.
19.01.2025
Was ist Kitsch? Das Gutgemeinte und Gutgewollte, verpackt in eine Form der unmittelbaren und angenehmen emotionalen Aufwallung, die letztendlich ins Leere läuft; vielleicht. Auf einem Campingwagen am Straßensand ist in geschwungenen Buchstaben auf der Rückseite zu lesen: "Sehnsucht ist unser Steuermann." Ich verstehe. Meine Bilder sind jedoch andere: Kaffee auf Plastikstühlen auf einem Campingplatz vor dem Camper, wohlorganisierte Reiserouten mit Reservierungsbestätigungen, TÜV-geprüfte Fahrsicherheit und Dichtigkeitssiegel, Funktionsstauräume hinter Buche-Nachbildungen usw. Aber leben wir nicht alle auf unterschiedlichen Ebenen mit unserem Kitsch? Die Sinnsprüche mögen andere sein, das eigene Leben ist ohne Schmerz nicht zu haben.
15.01.2025
Ein Kollege berichtet mir, dass eine Kranfirma, die riesige fahrbare Kranwagen in Deutschland herstellt, in der Schweiz ein Motorenwerk betreibt, in dem sehr große Dieselmotoren, 16 Zylinder mit je 2 L Hubraum, hergestellt werden. Das Geschäft läuft sehr gut. Denn diese Motoren kommen in Deutschland vor allem zum Einsatz, um in der Nähe von Elektroauto-Ladestationen die nötige Stromversorgung sicherzustellen.
12.01.2025
Die Sonne strahlt, es ist Sonntag und damit ein Tag der Ruhe. Es stellt sich das Gefühl ein, dass ich der Welt und mir selbst (noch, immer noch, immer wieder) etwas schuldig bin (ich erinnere mich an einen Text, (welchen?), der die gefürchtete Sonntags-Leere darauf zurückführt, dass im Christentum die Arbeit zur Nachfolge Christi gehört). Was fehlt: Die Welt-ist-in-Ordnung-Tag / Die geistige Zentralheizung (Warburg); wenn sie fehlt, erkaltet die Welt (und ganz dialektisch, heizt sie sich im Außen auf). Was vielleicht schon da ist: Endstadiumsversuchsgott.
An einer Straßenlaterne ist mit Klebeband eine buntkopierte Werbung für ein Mutter-Kind-Training angebracht. U.a. ist zu lesen: rektusdiastase-freundlich. Unbedingt.
Dinge, die ich zur Vermeidungsplanung lernen muss: Mansplaining = Besserwisserische Äußerungen, die Wissen und Erfahrungen von Frauen unterschlagen bzw. übergehen. Auch unbedingt.
10.01.2025
Am Flughafen: Eine junge Frau in rosa, enganliegender Pulli, spiegelt sich in der Glasscheibe der Boarding Zone. Es sieht aus, als hielte sie ein Baby im Arm, ist aber nur ein kleiner weißer Pudel. Simulation von Mutter sein.
8.01.2025
Autobahnraststätten, Leere mit Dekor.
Die gute alte Zeit
Vor lauter Veränderungsdynamik bekommt die Vergangenheit eine goldene Aura der Beständigkeit, was schön sein kann, auch wenn es nicht stimmt. Hier deshalb mein traditionelles Jahres-End-und-Anfangs-Zitat aus dem 17. Jahrhundert:
“Greift frisch an, oder wir treiben auf den Strand.”
William Shakespeare: Der Sturm; Zürich 1979 (1611), S. 22
31. Dezember 2025
Weiße Angst
“Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil.”
Sophokles: Antigone
Die Farbe Weiß kann viel bedrohlicher sein als das Schwarz. Während das Schwarz den Verlust ‘in sich’ trägt, davon zeugt, dass etwas vorhanden war, was nun fehlt, verkörpert das Weiß als Chiffre der Leere einen Zustand, der die Erinnerung an den Verlust selbst auslöscht.
Diese eher assoziativ vorgetragene Schwarz-Weiß Farbenlehre hat im Denken von André Green, auf das ich mich im Folgenden beziehe, einen durchaus bemerkenswerten Hintergrund (siehe: André Green: Die tote Mutter; in: Psyche, Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen; Heft 3, März 1993 (1983)). Green will die Angst psychoanalytisch und strukturell nicht nur um den Mangel herum konzipiert wissen, sondern verleiht ihr ein weiteres Zentrum: man könnte es den “Verlust des Vertrauens auf die Gabefähigkeit” nennen. Während die Reihe Angst-Mangel um die Begriffe Vater, Ödipus, Kastration, Penis, Ganzheitsbilder kreist (als psychische Störung: Depression / Hass), ist die Angst-Gabeverlust-Reihe mit den Begriffen Mutter, Brust, Trauer (als psychische Störung: Fehlen von Lebendigkeit, keine emotionale Resonanz) verknüpft (Begriffe wie Penis, Brust sind symbolisch gemeint). Worin besteht nun der Unterschied?
Zunächst betont Green, dass die (symbolische) Kastration weiterhin grundlegend ist - d.h. wir haben unser Leben lang damit zu tun, unseren Narzißmus und unser Begehren nach “Mangelaufhebung” (was nicht Bedürfnisbefriedigung meint) zu ‘bewältigen’, d.h. einzusehen, dass wir nie “vollständig” sind, der Andere uns immer eine weitere Antwort schuldig bleibt, dass das Gesetz jenes verbietet und untersagt, was niemals vollständig möglich ist usw. Dieser Mangel beschneidet und ‘verhindert’ uns aber nicht nur, sondern ist zugleich die Quelle unserer Freiheit. Weil wir nicht vollständig definiert sind (wir nicht ‘ganz’ sind), bleiben uns verschiedene Arten, unser Leben zu leben (deshalb ist Freiheit, auch politisch gesehen, durchaus mit Angst verbunden - die Angst davor, dass unsere imaginierte Vollständigkeit, unsere ‘eingebildete’ Sicherheit zu Bruch geht).
Im Falle der toten Mutter, bzw. der weißen Angst, verhält es sich aber anders. Die Funktion der ‘Mutter’ (der gebenden Bezugsperson) besteht darin, den Übergang von der vollständigen Versorgung (Allmacht des Kindes) zur Eigenständigkeit, zur Kreativität und zur Frustrationstoleranz zu ermöglichen. Um mit Winnicott zu sprechen: das Handeln der Mutter muß ‚gut genug’ sein. Sie muß die Wünsche des Kindes so erfüllen, dass dieses im Laufe der Zeit die aufgeschobene Versorgung nicht als traumatisches Fehlen, sondern als Abwesenheit erfahren kann. So alles gut läuft, wird die Erfahrung der Abwesenheit und des “Kommens” (dessen, was man sich wünscht, was wünschbar ist) als psychische Rahmenstruktur vom Kind übernommen, die auch und gerade dann ‘funktioniert’, wenn die Mutter nicht mehr da ist.
Was also ist die ‘tote’ Mutter? Natürlich nicht eine reale tote Mutter, sondern das ‘Versagen’ der ‘gebenden Bezugsperson’. So die Mutter aufgrund eigener psychischer Probleme (Trauer um den Verlust einer Person etc.) nicht mehr rahmen-gebend handeln kann, entsteht eine für das Kind paradoxe Situation. Das ‘Objekt’ seiner Liebe ist physisch noch ‘da’ (es ist kein ‘Kastrationsverlust’), aber ‘es’ gibt nicht mehr das, was zur Ablösung von der Bezugsperson notwendig ist. Dieser Satz ist eine nachträgliche Rationalisierung. Für das Kind ist die ‘tote’ Mutter besser als gar keine Mutter und deshalb hält es umso stärker an ihr fest. Jedoch ist es nun von einer weißen Leere umgeben, was heißt, dass nicht der Mangel ver-kannt wird, sondern die lebendige Mutter samt rahmengebender Struktur nicht ge-kannt wird.
Das alles ist in dieser Kürze wahrscheinlich größtenteils unverständlich, schief und krumm, und für Menschen, deren Liebe zur Psychoanalyse eine begrenzte ist, sicherlich im höchsten Maße abstrus (und für die, die sich auskennen, im höchsten Maße unterkomplex). Interessant finde ich jedoch die “Erweiterung” der Angst”ursache”: Angst nicht nur als Angst vor einem Mangel (“Deine Angst ist die Angst vor der Untersagung und vor der Freiheit mit all ihren Konsequenzen”), sondern Angst als Angst vor dem Ausbleiben der ‘Gabe’ (“Deine Angst ist die Angst davor, dass etwas lebendig wird. Deine Angst hält etwas Totes fest, weil Du nicht zu erfahren können glaubst, dass sich etwas Lebendiges einstellen wird.”). Strukturell, und etwas überspitzt, könnte man sagen: Dass eine ist die Angst vor dem Tod und vor der Untersagung, das andere die Angst davor, das letzte Stückchen toter Liebe einzubüßen, weil man nicht um die fortwährende Gabe der Liebe weiß.
19. Dezember 2025
Bedeutung ausrotten
Norbert Elias spricht in seinem Buch "Was ist Soziologie" aus dem Jahre 1970 davon, dass Wissenschaftler Mythenjäger seien, also Menschen, die nicht zu belegende Bilder von Geschehenszusammenhängen (= Mythen, Glaubensvorstellungen, Spekulationen) durch Theorien ersetzen würden. Der Unterschied also? Theorien sind durch Tasachenbeobachtungen überprüfbare Zusammenhangsmodelle, belegbar und korrigierbar, so Elias weiter.
Ich frage mich, was der Unterschied zwischen Tatsache und Bedeutung sein mag. Die Bedeutung öffnet sich, je weiter sie sich von einer Ursache und den damit gekoppelten Zusammenhängen entfernt. Während die grau und trüb gefärbte Morgenstunde mich bleiernd ans Bett fesselt, sagt der Mythenjäger in mir, dass ich nicht genug geschlafen habe. Die Morgenmuse flüstert mir jedoch ins Ohr, dass Sie mich heute nicht küssen wird.
29. November 2025
Buch-Holismus oder so liest man heute
I
Gestern las ich nacheinander zwei kurze Erzählungen von zwei verschiedenen Autoren. (Spoiler Alarm, falls eigene Lektüre vorgesehen: Strunk, Heinz: Kein Geld Kein Glück Kein Sprit. Hamburg, 2025 / Campbell, Jane: Kleine Kratzer: Storys. München, 2023).
In der einen ging es um eine depressive Frau, die auch aufgrund eines sehr langanhaltenden Schluckaufs (Monate, Jahre) einen Selbstmord plant, bei der Umsetzung schließlich mitten in der Nacht von einer hohen Brücke springen will und feststellt, dass ihr Schluckauf aufgehört hatte. Die Polizei führt sie ab. Die andere Geschichte handelt von einer älteren Frau, die nach Jahren zum Ort ihrer ersten großen außerehelichen Leidenschaft zurückkehrt, zu den Victoriafällen in Afrika, um dort, nach dem Tod ihres Mannes, nochmals ihren ehemaligen Liebhaber zu treffen, der auf einer Tagung im Hotel zugegen ist. Das Wiedersehen, das zum Auftakt eines neuen Liebes-Lebens-Abschnitts werden soll, gerät zum Fiasko. Die Frau akzeptiert diesen bitteren Verlauf, geht nochmals zum Wasserfall, rutscht am Ufer aus und wird in die Tiefe gezogen.
Formal gibt es einige Parallelen: Wasser, Höhe, der Weg zum Tod, die Überraschung. Vielleicht habe ich deshalb kurz geglaubt, dass sich durch meine Lektüre das Schicksal der ersten Frau durch die Frau der zweiten Erzählung erfüllt hätte. Als würde das Buchuniversum eine große magische Einheit bilden, die untergründige Verbindungen stiftet: alles ist mit allem auf rätselhafte Weise durch die Buchstaben und durch mich verknüpft.
II
Hans Blumenberg geht in seinem Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ der Frage nach, ob nicht nur Bücher, sondern auch die Welt als „lesbar“ verstanden werden kann (Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main, 1996). Dann wären Bücher nur ein Spezialfall einer "umfassenderen Lesbarkeit", wobei die Welt immer schon gelesen worden sein muss, bevor wir sie - jenseits von richtig und falsch - lesen können, was den Einzelnen, das Kind, nicht davon entbindet, das Lesen zu lernen. Das wiederum korrespondiert mit dem Blumenbergschen Hinweis, dass die Lesbarkeit - der Welt, der Bücher - nicht einfach gegeben ist, sondern durch kulturelle Praktiken zunächst und immer wieder erlernt, erhandelt und tradiert werden muss. Und: viele Bücher, viele Welten und umgekehrt. Und da die gemeinsame Lesbarkeit keinen Ursprung hat, stellen sich eher genealogische Fragen: wie kommt es von einer Lesespraxis zu einer anderen? Aus heuristischen Gründen kann man mit Blumenberg dann zum Beispiel Lese-Epochen unterscheiden. Das Mittelalter, wo die Welt als göttliches Buch gesehen werden kann, in das die göttliche Ordnung eingeschrieben ist und aus dem wir sogar Wunder und Offenbarungen herauslesen können. Die Neuzeit, wo die Welt als ein mathematisch kodiertes System entziffert wird, in dem Kausalitäten walten und es zu einer sehr wirkungsmächtigen Manipulierbarkeit der Dinge kommen kann. Die Moderne, in der die Welt durch die Fragmentierung des Wissens, durch die Komplexität aller Abläufe, durch die Abwesenheit der Götter immer 'unlesbarer' und widersprüchlicher wird.
III
Die beiden eingangs genannten Erzählungen liegen auf der von Blumenberg skizzierten Linie der Moderne als eine etwas depressiv eingefärbte Welt der Unverständlichkeiten. In einem Fall wird nach dem Tod gesucht und gefunden wird ein transformierter Körper, der wiederum von der Ordnungsmacht gefunden wird. Im anderen Fall wird die Liebe gesucht, 'gefunden' wird der Tod. Keine Regel, die das Dasein erhellt, keine Zeichen, die die Zufälligkeiten transzendieren. Die Protagonistinnen finden nicht das, was sie suchen. Aber sie haben die Welt und sich, als Teil der Welt, keineswegs falsch gelesen. Wie auch; es gibt offenbar kein Schicksal, das sich erfüllt. Selbst meine Lektüre-Magie ist nur ein kurzes Aufflackern eines erhofften Rest-Sinns. Aber vielleicht muss man die Lektüre, jede Lektüre, radikal umkehren: die Unbeständigkeit und Unvorhersehbarkeit der Welt können auch Garant für das Vergnügen an den permanenten Veränderungen und Verwandlungen sein (Buch-Referenz: Ovid: Metamorphosen). Mit und gegen Blumenberg müsste es heißen: die Welt war noch nie richtig lesbar, Stabilität und Gewissheit allenfalls ein prekärer Zustand. Autor und Autorin können folgerichtig in dieser vielschichtigen, fantastischen, sinnig-unsinnigen, brutalen und gewaltsamen Welt auch die Un-Möglichkeiten, selbst die traurigen, der Lesbarkeit zuführen: pain in the ass und ein bißchen Freiheit.
30. Oktober 2025
Die liebe Revolte
Alber Camus schreibt in seinem Buch "Der Mensch in der Revolte" (1951), dass die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber daraus bestünde, in der Gegenwart alles zu geben. Diese Idee zeugt von einer Liebe zur Verausgabung, zur Rückhaltlosigkeit, die jedwede Ökonomie durchkreuzt. Und obwohl es ein Satz zur Revolte sein soll, die diese mit dem Leben, mit der Bewegung des Lebens rückkoppeln möchte, ist es schwer, ihn ohne christliche Anklänge zu hören. Andererseits: würde ein Christ jemals auf solche Art und Weise die Gegenwart mit der Zukunft in Verbindung bringen wollen?
29. September 2025