nach der gewissheit, vor der paranoia
Vögelchen flieg
Eine iranische Frau schreibt in einer Wochenzeitung, aus Sicherheitsgründen unter einem Pseudonym, über die derzeitige Lage im Iran (ZEIT-Ausgabe vom 16. Juli 2026). Sie glaubt, dass das Regime weiterhin Millionen von aufrichtigen Anhängern hat, aber diese zugleich nicht wahrhaben wollen, dass Millionen von Iranern das System ablehnen. Menschen seien bereit ihr Leben für eine Lebensänderung zu riskieren. Anfang Juli, so schreibt sie weiter, wurden in der Stadt Isfahan 15 Menschen zum Tode verurteilt, weil sie im Januar demonstriert hatten, manche davon bei den Protesten noch keine 18 Jahre alt. Andere Protestler sind inhaftiert, werden in den Gefängnissen misshandelt; eine Bekannte der Autorin hat ihren Bruder besuchen dürfen, so berichtet sie weiter - die Nase war gebrochen.
Heute las ich zufällig einen alten Tagebucheintrag, aus dem April 2013, überschrieben mit "Folter, Stromstoß", ausgehend von einer Passage über eine Folterszene aus einem Buch von Abbas Khider (Die Orangen des Präsidenten; Hamburg 2011; S. 24). Damals notierte ich: 'Es gibt Bücher, die erinnern daran, 2 x am Tag zu beten. Morgens ein Bittgebet für die willkürlich Verhafteten und Gefolterten, auf dass sie frei kommen und die Gefängnisse und Folterkammern physisch und psychisch überstehen. Abends ein Dankgebet für all das, was einem bisher erspart geblieben ist und hoffentlich erspart bleiben wird (parallel dazu die politischen Fragen: wie geo-politische Verantwortung übernehmen, wie das eigene politische Gemeinwesen mittragen - beides jenseits von Ohnmacht und Allmacht; beides jenseits einer “richtigen” Gesinnung, die schon immer weiß ….).
Der Titel des Buches spielt auf einen besonderen Zynismus an: Statt wie erhofft an Saddam Husseins Geburtstag aus dem menschenunwürdigen Gefängnis entlassen zu werden, bekommen alle Häftlinge lediglich eine Orange.'
Im Universum der Bedeutungen gibt es keine Zufälle, oder (oder es gibt nur Zufälle und es ist eben das Geheimnis der Bedeutung, wie uns unbemerkt und wie von Zauberhand unter unseren Augen die Signifikanten zu Signifikaten werden)? Klar wurde mir, dass ich erst letztens ein weiteres Buch von Khider gelesen habe, dass mir von einer Buchhändlerin in einem evangelischen Buchladen in Hannover empfohlen wurde: "Der letzte Sommer der Tauben". Dort geht es um den Wahnsinn des Islamismus in einem nicht weiter spezifizierten Kalifat. Der Protagonist, ein 14‑jähriger Junge, ist angehender Taubenzüchter und muss leidvoll feststellen, dass unter den neuen gotteskriegerischen Machthabern selbst die Taubenzucht streng reglementiert wird - Tauben auf den Dächern sind fortan verboten, die Tauben müssen in Käfigen gehalten, die Flügel gestutzt werden. Auch die Freiheit am und im Himmel kann einer Ideologie wohl bedrohlich erscheinen. Zum Ende des Buches erfährt der Junge zufällig, dass sein Onkel Teil einer Oppositionsbewegung ist, die mit der Hilfe von Tauben (und USB-Sticks) Informationen über die Hinrichtungen in die Welt tragen wollen. Es handelt sich dabei um die "Operation Wandertaube". Nun, die Wandertaube, so wird im Buch informiert, einst eine Population von Milliarden, wurde ausgerottet, bis nur noch die eine namens Martha übrig blieb.
Das wiederum führt mich zu dem Naturkunden-Buch "Tauben" von Karin Schneider (Berlin: Matthes & Seitz, 2021; Naturkunden: eine Buch-Reihe, die zu loben, zu preisen und - damit die Reihe nicht ausstirbt - zu kaufen ist). So ziemlich am Anfang des Buches wird berichtet, dass es vorkam, dass über Nordamerika drei Milliarden Wandertauben in einem Schwarm von 500 km Länge und 2,6 km Breite vierzehn Stunden lang über einen Ort hinwegflogen. Ist aber schon etwas her. Den, tja, zwischen 1870 und 1900, also in drei Jahrzehnten, schafften es die europäisch-stämmigen Amerikaner diese Art vollständig auszurotten (ein Fundstück: "tja" - "Word of the day - a German reaction to the apocalypse, Dawn ot the Gods, nuclear war, an alien attack or no bread in the house." Im Tauben-Buch ist übrigens auf S. 35 eine Abbildung von Martha zu sehen, natürlich auch im Internet als Bild zu finden).
Aber, um gesichert beim Zufall zu bleiben. Die Buchempfehlung beim Würzburg-Besuch im April 2024, ebenfalls von einer Buchhändlerin, war: Colum McCann: Apeirogon (2022, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag - fürs Protokoll: der Roman entstand vor dem Terrorangriff der Hamas am 7.Oktober 2023). Erzählt wird in 1001 kleinen Kapiteln die - wahre - Geschichte zweier Väter, die jeweils ihre Töchter verloren haben: Smadar Elhanan starb 1997 bei einem Selbstmordattentat, Abir Aramin 2007 durch einen Schuss eines israelischen Soldaten. Die beiden Väter, ein Israeli und ein Palästinenser, setzen sich dennoch für Frieden und Versöhnung ein. Auch hier bilden Vögel - und Zahlen: z.B. befreundete Zahlen > die einzigen unter 1000 sind 220 und 284 (S. 134, Kapitel 220) oder: Algebra, vom arabischen al-gabr > 'das Einrichten gebrochener Knochen' (S. 571, Kapitel 38 + Gefängnis, siehe oben > so arbeitet die Zahl des Zufalls) - mehr als nur ein Nebenmotiv. Gefangene und getötete Vögel; nix ist mit gestirnten Himmel über mir, da kann die Vernunft noch so praktisch sein.
Aber die gegenstrebigen Fügungen flattern mit erstaunlichen Beispielen durch dieses Buch. Im Abu Dhabi Falcon Hospital in den Vereinigten Arabischne Emiraten werden Vögel keineswegs getötet, sondern mit viel Aufwand und Expertise wieder in die Luft gebracht. In klimatisierten Räumen lagern unzählige Federn, die den Vögeln anstatt der zuvor gebrochenen Federn mittels Verklebung neu ins Gefieder gebracht werden. Damit nicht genug: der nun ermöglichte Vogelaufschwung wird gefilmt und per Computerprogramm für einen weiteren Flug-Optimierungs-Eingriff analysiert. Aber ja, es handelt sich um Jagd-Falken, deren todbringende Stärke und Geschicklichkeit im Dienste der Souveränität gepflegt wird. Die Macht kultiviert durchaus ihre Insignien, nur sind es selten die der Freiheit.
Dazu passend die am Anfang des Buches von McCann erzählte Geschichte über Francois Mitterrand, der acht Tage vor seinem Tod ein letztes großes Festmahl abhielt, auf dem er Ortolane verspeiste, winzige Singvögel, die er als Essenz Frankreichs begriff. Die Ortolane aß er als Ganze, das heißt: Fleisch, Fett, Eingeweide, Füße, alles - danach fastete er und starb. Die andere Seite der Souveränität: die Einverleibung (hier: einer kleinen Freiheit).
Was mich zum letzten Buch aus dieser kleinen Gewalt- und Vogelreihe bringt, gekauft 2025 in einem von zwei Frauen geführten netten kleinen Lübecker Buchladen: Michel Tournier, Der Erlkönig. Der Held dieser Geschichte ist ebenfalls Franzose und trägt den Namen Abel Tiffauges. Aufgewachsen in einem Internat übernimmt er schließlich eine Autoreparaturwerkstatt und wird beinahe aufgrund seiner pädophilen Neigungen in Haft gesetzt, hätte nicht für Frankreich der 2. Weltkrieg begonnen, so dass Tiffauges zur Armee eingezogen wird (in der er, wäre er kein fiktiver Charakter, auf Francois Mitterand hätte treffen können). Zunächst kommt er zu einer Brieftaubeneinheit, wo er sich um die Brieftauben kümmern muss, was er mit sehr viel Umsicht auch bewerkstelligt. Die Eigenschaften des Brieftaubenpflegers? Im Buch Wie folgt: sanftes Wesen, Geduld, Reinlichkeit, Überlegung, Beobachtungsgabe, Beharrlichkeit und Selbstzucht. Damit endet die Vogelepisode, denn Tiffauges gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft, wird nach Ostpreußen verschleppt und rekrutiert, dazu ein altes und mächtiges Pferd nutzend, wie ein moderner "Erlkönig" Jungen für eine Napola (Nationalpolitische Erziehungsanstalt). Die Sublimierung seiner Triebenergien, die sozialverträglich mit der Taubenpflege begann, endet also im Kurzschluss seiner maßlosen Jungsleidenschaft mit den Möglichkeiten, die ihm die nationalsozialistischen Erziehungsideen bieten (der Roman endet insofern nicht völlig "desaströs", als Tiffauges während des Zusammenbruchs der Ostfront einen aus einem KZ-Todesmarsch stammenden jüdischen Jungen "rettet").
Also: die Freiheit der Vögel ist immer eine bedrohte, die Vogelsorge garantiert nicht eine bessere Welt und das Böse kommt oftmals als eine Banalität daher, die sich sehr pflichtbewußt und sorgsam um die Dinge kümmert. Wir wissen nicht, ob der Mann, der einem Häftling aus Systemwillkür und Systemkalkül die Nase bricht, nicht auch ein Vogelliebhaber sein könnte. Aber was heißt Vogelliebhaber?
31. Juli 2026
Als das Unbewußte einmal zurückkam
Ich mag das großformatige Kulturmagazin, das quartalsweise erscheint und dessen Format mir entgegenruft: verlange nicht nach Handlichkeit oder Gebrauchstauglichkeit und deren Autoren in feinziselierten Gedankenreihen erbaulich schwere Dinge ausbreiten. Aber manchmal sind die Essays mehr als schwierig, nicht nur, weil sie schwer zu verstehen sind. In einem Artikel über die Aktualität der Psychoanalyse für Politik und Gesellschaft, überschrieben mit „Der unmögliche Patient“, beginnt die Philosophin Amia Srinivasan mit dem schönen, da großen Satz: "Das Unbewußte ist zurück?" (Lettre International 152, S. 16) Gleich habe ich mich gefragt, wo es denn zwischenzeitlich hingekommen ist, das Unbewußte. Also, ist das Unbewußte als Unbewußtes weggewesen, so wie im Sommer eben die Wintererkältung sich verflüchtigt hat, oder ist der Diskurs über das Unbewußte gemeint, der nun zurückkehrt? Bevor hier eine Klärung erfolgt, fragt die Philosophin aber gleich weiter: "Warum gerade jetzt." Diese rhetorische Frage soll uns auf den nachfolgenden Satz vorbereiten, soweit man davon sprechen will, dass man auf diesen Satz vorbereitet werden kann:
"Es ist sicherlich in den Tagen und Monaten nach dem 7. Oktober 2023 ins Bewußtsein gedrungen, als die israelische Tötungsmaschine gegen Gaza in Gang gesetzt wurde - was zu einem Genozid an den Palästinensern führte, der Israel einen Teil seiner internationalen Legitimität kostete und die quälend lange Gefangenschaft und den Tode von Geiseln zur Folge hatte, wachsenden Antisemitismus und eine Abwanderung der gebildeten Elite Israels.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Nachdem die Hamas am 7. Oktober 2023 Babys und Kinder massakriert, Frauen vergewaltigt und zerstückelt hat, hunderte unschuldige Menschen hingemetzelt hat und zahlreiche Geiseln nach Palästina verschleppt wurden, zeigt sich in der der Tat das Unbewusste. Weil Israel sich wehrt, nennt man es Tötungsmaschine, weil die Hamas als Terrororganisation nicht wie eine reguläre Armee kämpft und menschliche Schutzschilder nutzt und die Souveränität über die Kommunikation der Opferzahlen hat, nennt man es Genozid, und weil Israel nicht sofort kapituliert hat, sind sie selbst daran schuld, dass die Geiseln eben hingerichtet werden (was nicht heißt, dass die israelische Regierung nicht fatale Fehler gemacht und massives Unrecht verübt und die israelische Armee nicht immer wieder unverhältnismäßig agiert hat). Das Unbewußte ist zurück?
Nein, es war nie weg, auch in seiner kollektiven Dimension. Vielmehr war es nur eine Frage der Zeit, bis ein linker Diskurs – und Srinivasan begreift sich als links - auf der Suche nach einem verlorengegangenen revolutionären, zumindest ‚guten‘ Subjekt fündig wurde. Dass die „Wahl“ auf Palästina und das palästinensische Volk gefallen ist, das von seiner misogynen, islamistisch-fundamentalistischen Führung in den Krieg geführt wurde, mag zunächst abwegig erscheinen. Es ist völlig abwegig, wenn man nicht noch einen tiefverankerten (linken) Antisemitismus mit hinzunimmt, der „den Juden“ seinen Gottes-Bund schon immer geneidet hat. Selbst der Holocaust, so müsste man hinzufügen, scheint den Juden als „Auserwähltsein“, wenn auch als negatives, zum Vorwurf gemacht zu werden. Wie anders soll man den folgenden, sehr infamen Satz von Amia Srinivasan sonst lesen:
„Die Weigerung, den Genozid zu wiederholen - "nie wieder" -, wird zum Mandat für seine Rückkehr.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Würden die Juden nicht so an ihrer geschichtlichen Erfahrung hängen, dann hätten sie gar keine Rechtfertigung, sich gegen jene Feinde zu wehren, die sie vernichten wollen. Ja blöd. Das Unbewußte ist zurück? Nehmen wir an, dass das Unbewußte eine Struktur ist, ein Ort, von dem aus wir die Welt sehen und verstehen und der selbst nicht Teil der Szenerie ist (also der Ort, von dem wir uns nicht selbst sehen können, weil wir ‚von‘ ihm aus sehen und sprechen) und nehmen wir weiter an, dass dieser Ort nicht direkt zugänglich ist, sondern sich nur durch die Löcher im Sein, durch Fehlleistungen, durch Versprecher, durch das, was nicht gesagt wird, zeigt. Das Unbewußte ist zurück? Vielleicht so:
„Die Leugnung der Realität des Genozids verschleiert eine tiefere, libidinöse Entschlossenheit, Gewalt auszuüben.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Zurückfragen könnte man, ob „keine tiefere, libidinöse Entschlossenheit, Gewalt auszuüben“ am Werk war, als Hamas das Massaker plante und durchführte. Und war es keine libidinöse Entschlossenheit, dass das palästinensische Volk und die weltweiten Sympathisanten darüber jubelten. Und: ist es nicht eine wahnsinnig anschauliche Leistung des Unbewußten, eine solche Täter-Opfer-Umkehr in Szene zu setzen? Und sie zu verschleiern, wie Amia Srinivasan vielleicht sagen würde?
27. Juni 2026
Rot sehen
“Ist der Mann, der jetzt nichts Rotes um sich sieht, in derselben Lage wie der, der unfähig ist, rot zu sehen?”
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Bemerkungen; Frankfurt/M. 1981 (1964), S. 13
Ich finde, dieser Satz wäre ein schöner Buchtitel. Daneben hätte man Herrn Wittgenstein fragen können, ob diese Überlegung auch für Frauen gilt. Oder sehen Frauen per se nicht Rot?
28. Mai 2026
Seele brennt
"Der Begriff ist als Seele in einem Leibe realisiert, von dessen Äußerlichkeit jene die unmittelbare sich auf sich beziehende ‘Allgemeinheit’, ebenso dessen ‘Besonderung’, so dass der Leib keine anderen Unterschiede als die Begriffsbestimmung an ihm ausdrückt, endlich die ‘Einzelheit’ als unendliche Negativität ist, - die Dialektik seiner auseinanderseienden Objektivität, welche aus dem Schein des selbständigen Bestehens in die Subjektivität zurückgeführt wird, so dass alle Glieder sich gegenseitig momentane Mittel wie momentane Zwecke sind und das Leben, so wie es die ‘änfängliche’ Besonderung ist, sich als die ‘negative für sich’ seiende Einheit ‘resultiert’ und sich in der Leiblichkeit als dialektischer nur mit sich selbst zusammenschließt."
G.W.G. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I; Frankfurt/M. 1989 (1830);S. 373
Was das heißt? Begriff (Seele) und Realität (Leib) entsprechen sich unmittelbar, aber zugleich defizitär, da der Körper die Idee nur unzureichend realisiert. Idealismus meint, dass die Negativität auf Seiten des Begriffs steht, für den Begriff arbeiten soll, der Körper letztendlich nur ein formbares Gefäß darstellt (Mittelbar fußt sowohl die Körperverachtung als auch die optimierende Körpergestaltung, vom Bodybuilding bis zur Schönheitsoperation, auf dieser Idee; sicherlich schon lange durch das Christentum/Platonismus mitvorbereitet). Was aber, wenn die wahre Negativität auf der Seite des Leibes zu finden ist? In wessen Namen würde diese Negativität sprechen (Im Namen des Fleisches)? Was hätte sie uns zu sagen? Wie heißt es im Volksmund (und: Volk und Hegel ist eine durchaus spannende Geschichte): auf den Körper hören.
30. April 2026
Entstofflichungsrhetorik
“Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.”
Offenbarung 1, 17-18
Die christliche Rhetorik ist eine um- und einschließenden Rhetorik und eine Entstofflichungsrhetorik dazu, daher die Pfingstfeier. Im Alten Testament ist Gott bekanntlich oftmals ein Gott der Untersagung und der Bestrafung. Gottes Antwort auf den Turmbau zu Babel ist die Sprachverwirrung, ein Trennungs- und Zerstreuungsakt.
Hingegen besteht das Pfingstwunder auch aus einem Sprachwunder, nämlich der Fähigkeit andere Sprachen zu sprechen und zu verstehen. Ein universeller Code muss jedoch von der Stofflichkeit der Bedeutungsträger Abstand nehmen und die immateriellen Aspekte betonen: daher geht es von der heiligen Schrift, dem heiligen Buchstaben zum heiligen Geist; in christlicher Konsequenz auch: von der Wurzel, dem Boden zur Schwingung und zur Luft, von der Münze zur computergesteuerten Finanztransaktion, von der Berührung zur Internetpornographie. Das Pfingstwunder ist in vollem Gange.
28. März 2026
stehen, sitzen, liegen
Unsere zahlreichen Ängste sind auf schönste benamt: Akrophobie = Höhenangst; Klaustrophobie = Angst vor Enge; Thanatophobie = übersteigerte Angst vor dem Tod: Algophobie = krankhafte Angst vor Schmerzen.
Schmerz, Tod - wir nähern uns jenen Dingen, die uns auf unausweichliche Weise entgegenstehen. Aus dem Bewußtsein verbannt, widmen wir uns nun der - durchaus ungewollten - Vergleichgültigung der Welt. Horror vacui? Statt Angst vor der Leere im Angesicht des Ungeheuren nun langweilige Langeweile = Thaasophobie (Angst vor Langeweile; thaaso = sitzen/herumsitzen). Abhilfe schafft hier unter anderem die Digitalisierungsindustrie, die im Namen des Sozialen die Löcher des Realen, zu der auch die Langeweile gehört, stopft.
Aber das Realste des Realen kommt, immer, und immer am Ende.
28. Februar 2026